Die Welt des ICHs gegenüber der Wahrheit des SEINs

(Aus dem Buch "In der Fülle leben " von Hanspeter Ruch)

Die nachstehende Übersicht soll lediglich als Orientierungshilfe dienen. Die unterschiedlichen Bereiche, die dabei beschrieben und miteinander verglichen werden, sind der generelle Zustand, Gedanken, Emotionen, Körperebene, Handlungsebene sowie Bezugspunkt. Es ist ratsam, diese Übersicht zuerst in aller Ruhe durchzulesen und dann, nachdem die Bedeutung der einzelnen Bereiche verstanden wurde, dies auf das eigene Leben zu übertragen. Um einen möglichst grossen Nutzen aus dieser Übung zu ziehen, ist es von Vorteil, sich Zeit zu nehmen, um über den Inhalt sowie den tieferen Sinn der einzelnen Bereiche zu kontemplieren. Gehen wir in dieser Weise vor, können wir das unterscheidende Gewahrsein schärfen und uns Klarheit darüber verschaffen, wo wir im Augenblick stehen und in welche Richtung wir zu gehen haben, um die Reise des Erwachens erfolgreich fortsetzen zu können.

Die Welt des ICHs

- Genereller Zustand - Kleiner, enger Lebensraum mit starren, rigiden Grenzen. Persönliches Selbst, die Verfolgung von Eigeninteressen, sowie die Absicherung der Existenz stehen im Vordergrund. Stress, Sorgen und Spannungen sind allegegenwärtig und prägen das Dasein. Furcht vor dem Unbekannten hemmt das Bedürfnis, das Leben zu wagen und das ungeahnte Potenzial, über das wir alle verfügen, auszuschöpfen. Schwierigkeiten werden primär als Störungen oder gar Bedrohnungen wahrgenommen, weshalb sie umgangen oder ignoriert werden. Ursachen von Problemen werden äusseren Umständen oder anderen Menschen zugeschrieben und haben nur entfernt mit dem eigenen Verhalten oder der eigenen Sichtweise zu tun. Obwohl die Lebensfreude und die Freiheit klein und die Möglichkeiten für Entwicklung und Wandel bescheiden sind, wird dieser ver-rückte Zustand nicht in Frage gestellt. Höchste Priorität wird dem Aufrechterhalten des bestehenden Lebenssystem eingeräumt. Alle anderen Wünsche und Bedürfnisse haben sich in dieser zentralen Aufgabe unterzuordnen. Um das Gefühl des Getrenntseins zu tilgen, wird Trost in materiellen Dingen, in gesellschaftlichen Aktivitäten oder bei anderen Personen gesucht. Nicht im Jetzt, der Gegenwart lebend, wird auf bessere Zeiten gehofft und von einigen Menschen die Erlösung im nächsten Leben erwartet.

- Gedanken - Pausenlos kommen und gehen Gedanken aller Schattierungen durch den Kopf. Zum augenblicklichen Geschehen haben sie meistens kaum oder gar keinen Bezug. Obwohl Gedanken leere und substanzlose Erscheinungen sind, wird ihnen eine Bedeutung zugeschrieben, die sie gar nicht besitzen. Dadurch, dass ihr Inhalt für real und wahr angesehen wird, erhalten Gedanken grosse Macht und beeinflussen dadurch das Denken, Fühlen und Handeln. Vorherrschenden Gedanken sind: Sorgen um das eigene Wohlergehen, Selbstzweifel, Misstrauen, Unsicherheiten, Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen. Die meisten Gedanken drehen sich dabei um Unerledigtes aus der Vergangenheit, Sorgen um die Zukunft und um die Absicherung der eigenen Existenz. Eine zweite Gedankengruppe hat Vorstellungen, Begriffe, Bewertungen, Urteile, und Vergleiche zum Inhalt. Aus diesen werden psychologische Theorien abgeleitet und Schlussfolgerungen über den Sinn des Lebens gezogen. Dadurch, dass das Denken im Vordergrund ist, entstehen viel Stress und Unruhe und es gibt kaum Musse oder Stille. Die negativen Gednaken führen zum Entstehen von Gedankenketten, aus denen es schwierig ist auszusteigen und die einem leicht in die Tiefe ziehen. Nimmt der permanente Lärm im Kopf zu und es gibt kein Entrinnen, besteht die Gefahr, geistig krank, sprich ver-rückt zu werden.

- Emotionen - Emotionen sind Energien in Bewegung, (eine Emotion ist die Manifestation eines Gefühls). Sie sind der Niederschlag des Denkens im Körper. Viel Denken weckt viele Emotionen. Das Spektrum der Emotionen reicht von Freude und Glück bis hin zu Angst, Wut und Trauer. Störende Emotionen werden primär als unberechenbar oder gar gefährlich wahrgenommen. Ihr Auftauchen weckt Angst, allem voran die Angst, die Kontrolle zu verlieren, die Angst ausgeliefert zu sein und die Angst abzustürzen. (alle Angst geht immer auf abhinivesha = Todesangst zurück). Situationen oder Personen, die unangenehme Emotionen auslösen können, werden tunlichst vermieden. Der zurückhaltende oder ablehnende Umgang mit Emotionen hat zur Folge, dass sie mächtig werden und eine bedrohliche Intensität an den Tag legen können. Emotionen erfüllen aber auch diverse Funktionen: Sie werden dazu eingesetzt, um bestimmte Ziele zu erreichen, eine Situation zu beeinflussen oder andere Personen zu manipulieren. Sie geben uns auch das Gefühl lebendig zu sein. Mangels Vertrauen und eines besseren Wissens um das Wesen der Emotionen werden aus verträglichen Erscheinungen beängstigende Dämonen, die den Lebensraum beschneiden und das Dasein beeinträchtigen. (Jegliche Angst basiert auf der Trennung vom SEIN, kein Vertrauen (Vertrauen in die grosse Ordnung), mangelnde Verwurzelung.)

- Körperebene - Emotionen üben einen starken, nachhaltigen Einfluss auf den gesamten Organismus aus. Positive Emotionen öffnen und schaffen Raum. Negative Emotionen beengen und behindern den Energiefluss. Verspannungen, Stauungen sowie Verkrampfungen sind die Folgen. Die Störungen im Energiehaushalt regen das Denken an, was weitere Emotionen hervorbringt, allem voran Ängste. Der Lebensraum, die Offenheit und die Beweglichkeit werden dadurch weiter eingeschränkt. Müdigkeit, Stumpfheit und Antriebslosigkeit machen sich breit. Ein Teufelskreis entsteht. Der angespannte Zustand löst nochmehr Gedanken und noch mehr Emotionen aus. Die Zunahme der energetischen Störungen und der körperlichen Blockaden führt zum Auftreten von somatischen Beschwerden. Statt den Körper primär als ein Fahrzeug zu betrachten, das uns ermöglicht, Erfahrungen zu sammeln und uns selber zu erkennen, wird er wie eine Maschine behandelt, die gut zu funktionieren hat und primär der Bedürfnisbefriedigung und Existenzabsicherung dient.

- Handlungsebene - Um auf die Welt einwirken zu können, kommen Handlungen ins Spiel. Die meisten Handlungen dienen dazu, Bedürfnisse zu befriedigen. Wünsche zu erfülllen oder erstrebenswerte Ziele zu erreichen. Den Hauptaspekt der Handlungen jedoch machen die Absicherung und Aufrechterhaltung des ICHs aus. Hierzu gehören alle Methoden und Strategien, die dazu beitragen, Schwierigkeiten und Störungen loszuwerden, sich gegen andere durchzusetzen, sich Vorteile zu verschaffen und die eigene Person zu behaupten. Ebenfalls in diesen Bereich gehört das Angriffs- und Fluchtverhalten, ein gut eingespieltes, tief verwurzeltes Überlebensmuster. Neutrale Handlungen und solche, die dem Wohle anderer dienen, kommen auch vor, sind aber eher selten, also die Ausnahme.

- Bezugspunkt - Der Fokus ist das ICH. Die Folge der Ausrichtung auf diese Instanz ist eine kleine, in sich abgeschlossene Welt. Die dualistische Sichtweise des ICHs, die alles in ein Objekt und ein Subjekt aufteilt, schafft eine Wirklichkeit, die aufgespalten ist in ein Innen und Aussen, ein Mein und Dein, und die sich durch Stress, Negativität und eine tief sitzende Mangelmentalität auszeichnet. Für das Leben Sorge zu tragen und Zufriedenheit zu erlangen ist nur beschränkt möglich, denn Sorgen, Befürchtungen und Dramen nehmen einfach keine Ende. Mit dem ICH als Bezugspunkt und vom denkenden Geist vereinnahmt, dominieren Unruhe, Verwirrung, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit den Alltag. Weder höchste Auszeichnungen noch grösste Macht und auch nicht gesellschaftlicher Ruhm vermögen die Existenzängste zu besiegen, Versagensängste zu tilgen und das Gefühl des Getrenntseins zu überwinden.

Die Wahrheit des SEINs

- Genereller Zustand - Weder existiert ein persönliches Selbst, noch gibt es sonst irgendeine benennbare Instanz, die als Kern oder psychisches Zentrum angesehen werden könnte. Das Leben findet zwar statt, Tätigkeiten werden ausgeführt und Aufgaben übernommmen, doch es gibt keinen Handelnden. Da niemand etwas tut und niemand existiert, gibt es keine persönliche Idendität abzusichern, keine Welt zu verteidigen und auch keine Ziele zu erreichen. Das, was ist, ist das Unermessliche, das grosse Mysterium, das SEIN, das weder beschrieben noch erfasst werden kann. Als Quelle, die alles hervorbringt und alles wieder in sich aufnimmt, manifestiert sich das SEIN in mannigfaltiger Weise. Alles, was sich ereignet, geschieht spontan und ist Ausdruck von Raum, Freiheit, Glück, Liebe und Leerheit. An nichts gebunden und ohne Zweck wird das Dasein zum göttlichen Tanz.

- Gedanken - Gedanken sind, was sie sind: leere, vergängliche Erscheinungen. Kaum dass sie sich erheben, vergehen sie auch schon wieder, ohne Spuren zu hinterlassen. Losglöst von Zuordnung, Interpretation, Urteil sowie persönlichen Geschichten, beziehen sich Gedanken auf das momentane Geschehen und kommen in Übereinstimmung mit der erforderlichen Notwendigkeit zum Ausdruck. So dienen Gedanken dazu, einen Sachverhalt mitzuteilen, einen Umstand darzulegen oder mit anderen Personen zu kommunizieren. Gedanken werden auch benutzt, um Hinweise auf das Unermessliche zu geben oder das SEIN zu umschreiben. Eine andere Aufgabe oder Funktion haben Gedanken nicht.

- Emotionen - Emotionen sind Energien in Bewegung, die jeder Grundlage entbehren. Obwohl Emotionen hochpotente Vorkommnisse sind, die in unterschiedlicher Intensität und Ausprägung erscheinen, sind sie an nichts gebunden und werfen auch keine Schatten. Da niemand existiert, der die Emotionen erfährt, an ihnen festhält oder auf sie reagiert, kommt es weder zu kräftezehrenden Dramen noch zu emotionalen Verstrickungen. Das ursprüngliche Bewusstsein spieglend, sind Emotionen Ausdruck der Weisheit des SEINs, das durch den Körper wirkt. In ihrer reinen Form werden Emotionen als Liebe erfahren und bringen die Strahlkarft des Unermesslichen zum Vorschein.

- Körperebene - Der Körper ist, was er ist: ein komplexer Organismus, bestehend aus Fleisch, Knochen und anderen Bestandteilen. Der Körper stellt ein temporäres Gefäss dar, das dem SEIN zur Verfügung steht. Jenseits von Form und Begriffen und alle Grenzen transzendierend, benutzt das SEIN den Körper, um sich bemerkbar zu machen und auf die Welt einzuwirken. Da der Körper selber begrenzt ist, ist alles, was auf der Körperebene erfahren wird, ebenfalls begrenzt. Das, was im Körper geschieht, alle Gedanken und Emotionen, die sich regen, alle Empfindungen, die wahrgenommen werden, aber auch alle Störungen, die auftreten, und alle Symptome, die sich bilden, sie alle sind das Zusammenspiel vom Manifesten mit dem Unmanifesten, vom Sichtbaren mit dem Unsichtbaren, vom Endlichen mit dem Unendlichen und vom Fassberen mit dem Unfassbaren.

- Handlungsebene - Da es keinen Handelden gibt, kommen auch keine ICH-bezogenen Aktivitäten oder persönlichen Bedürfnisse vor. Handlungen schöpfen aus der inneren Essenz und repräsentieren das reine Bewusstsein. Nicht an Erwartungen, Absichten, Zwecke und Ziele gebunden, spielt es keine Rolle, ob Handlungen ausgeführt werden oder nicht. Handlungen entstehen einzig aus der Notwendigkeit heraus, sich entsprechend der Weisheit und Wahrheit des SEINs zu manifestieren. (Handlungen entstehen aus der Situation und nicht aus den samskaras (siehe unten)). Handlungen sind was sie sind: das sichtbare Spiel des Unermesslichen, in dem sich das grosse Mysterium spiegelt.

- Bezugspunkt - Nichts und niemand existiert. Weder gibt es eine fassbare Idendität noch einen benennbaren psychischen Bezugspunkt. Da keine persönliche Instanz ausgemacht werden kann und niemand vorhanden ist, der etwas tut, gibt es nichts, das sich auf irgendetwas bezieht. Was übrig bleibt, wenn nichts existiert und niemand sich bezieht, ist die Leereheit, die sich selber erfährt, ist das reine Bewusstsein, welches sich selber wahrnimmt, ist die Gegenwart, die sich selbst gebiert, ist das SEIN, das sich selber erkennt.

Ob Buddhismus, Hinduismus, Christentum, Islam oder Shamanismus, in allen grossen Religionen und mystischen Traditionen gibt es ausgewählte Methoden, die dazu dienen, das unterscheidende Gewahrsein zu schärfen, um so Schicht für Schicht der Konditionierungen abzutragen und im reinen Bewusstsein, der Wahrheit selbst, aufzugehen. Die Palette der spirituellen Praktiken ist umfangreich und reicht vom Gebet und dem Studium heiliger Schriften über die Kontemplation von grundlegenden Themen wie den Tod und die Vergänglichkeit zur Rezitation von Mantras, bis hin zum stillen Sitzen in der eigentlichen Meditationshaltung.

 

PATANJALI - DAS YOGASUTRA - von der Erkenntnis zur Befreiung - Übersetzung und Erläuterung von R. Sriram                                                                                                                                                              (mein vereehrter Lehrer)

Was heisst Yogasutra? Sutra bedeutet Faden (mit dem du einen Teppich weben kannst) und ist eine Dichtungsform des Sanskrit, der alten Sprache Indiens. Die Sutra-Form benutzt keine grammatikalisch vollständigen Sätze. Sie verzichtet auf alle Wörter, die für die Sinngebung wichtig sind. Das fordert die Leser eines solchen Textes dazu auf, die Sätze immer nur in ihrer Verbindung zu betrachten und jeden Satz als wichtiges Glied genau zu untersuchen und zu verstehen, denn der Zusammenhang der einzelnen Stücke gleicht einer Perlenkette.

Was ist die zentrale Idee des Yogasutra? Es geht darum, das meinende, denkende Selbst zu erforschen und zu verstehen. Das Yogasutra inspiriert uns, ihm auf die Schliche zu kommen, um einen klaren Weg aus Schwierigkeiten zu finden. (...) Heute da der Westen mühsam versucht, eine Brücke zwischen Körper und Geist zu schlagen und die Trennung zwischen Psychologie, Religion, Philosophie und Naturwissenschaften aufzuheben, kann das Yogasutra viele wetvolle Erkennntnisse vermitteln. Das Interessante am Yogasutra ist ausserdem die Tatsache, dass in ihm sehr viele Lösungsmodelle für unterschiedliche Fragen zu finden sind, die sich auch in unserem modernen Leben stellen.

Sutra 1.1 atha yogaanushasanam = jetzt folgt eine Einführung in Yoga, die auf Erfahrung beruht.                                                                      1.1. sei entschieden, folge den Anweisungen                                                                                                                                               

atha                     nun, jetzt; ein glückverheissendes Wort                                                                                                                                    anushasana        das, was auf Erfahrung basiert / die Einführung in eine Erfahrung                                                                                          Erläuterung: Einheit lässt sich nicht erdenken oder erfühlen, sondern übend erfahren.

Jetzt/atha - bedeutet du gehtst auf die Übungsmatte. Wenn du angefangen hast, fragst/überlegst du nicht mehr, soll ich die Wäsche machen, abwaschen etc., es läuft... es gibt keine Zweifel mehr, ob du üben sollst oder nicht. anushasanam - es ist so und ich folge ihm. Ich muss diesen Weg gehen um die Erfahrung zu machen. Du kannst nicht Philosophie denken, du musst sie handeln/tun. Es geht um Yoga. Wir wollen erfahren, was Yoga ist. Yoga = ankommen, anbinden, meditieren, erlangen, samadhi

(samadhi = komplettes Wissen/ewiges Wisssen, ein Moment, wo du alles siehst - dein ganzes Leben.)

1.1 = Auf körperlicher Ebene wäre dies z. B. im Sitz verweilen (ob zwei oder zwanzig Minuten) und wahrnehmen was passiert... und die Erfahrung täglich erneuern...

Sutra 1.2 yogah cittavrtti-nirodhah = Yoga ist der Zustand, in dem die Bewegungen des Citta (des meinenden Selbst/Ego) in eine dynamische Stille übergehen.                                                                                                                                                                       cittavrtti     die Tätigkeiten, durch die Citta (das meinende Selbst/Ego) sich ausdrückt und die seine Aufgaben bilden. Citta ist jugendhaft, Citta will der Wissende sein und ist es nicht                                                                                                                                                                nirodha      kontrolliert, gehalten, anhalten - umhüllt,  das Bild ist nicht zerstreut, sondern gehalten - ein Yogazustand. Der Geist lässt keine Zerstreuung zu. Durch das "Zur Ruhe kommen" entsteht Abstand, die Tätigkeiten von Citta schalten wir ab.                                         Erläuterung: Einheit besteht, wenn alle Gefühle und Gedanken zueinander finden.

Um Citta zu verstehen muss ich die cittavrttis verstehen. Aufgrund dieser Tätigkeiten kann ich Citta besser verstehen.

Sutra 1.3 tada drashtuh svarupe vasthanam = In diesem Zustand ruht Drashta (das meinende Selbst) in der eigenen Form (und kann folglich erkannt werden) tada = dann / in diesem Zustand     drashta = (wörtlich) Seher / das wahrnehmende Prinzip / das sehende Selbst drashtuh = des Sehers     svarupe = in der eigenen Form , sva = das Selbst / rupe = Form    avashtana = Wohnsitz                                                    Erläuterung: Besteht Einheit, wird der unsterbliche, wesentliche Kern unseres Selbst erkannt.

Drashta hat einen eigenen Platz. Wir verlieren beim unruhigen Sehen den Seher! Der Seher muss bei sich sein, sonst bist du beim Sehen gleich am assoziieren etc. Der Seher muss an seinem Platz sein. Dies pasiert wenn die vrttis zur Ruhe kommen.

Sutra 1.4 vrtti-sarupyam itaratra = In anderen Situationen beeinflussen die Bewegungen des Citta (des meinenden Selbst) die Erscheinungsform des Drashta (des sehenden Selbst)  vrtti = die Bewegungen / die Tätigkeiten     sarupya = ähnliche Form     itaratra = in anderern Situationen                                                                                                                                                                                  Erläuterung: Besteht keine Einheit, wird die Wahrnehmung durch die Gefühle und die Gedanken beeinflusst.  

Das was wir sehen und hören, ist meistens das was sich in userem Kopf abspielt.

Sutra 1.5  vrttayah pancatayyah klishtaklishtah = Die Bewegungen des Citta (des meinenden Selbst) sind in fünf Arten unterteilbar - sie können beschwerlich oder nicht beschwerlich sein.  vrttayah = Die Aktivitäten des Citta     pancatayyah = fünf Arten     klishta = beschwerlich     aklishta = nicht beschwerlich                                                                                                                                             

Erläuterung: Die Wirkungsweise der Gefühle und der Gedanken, die uns jeweils unter Druck bringen oder vom Druck befreien können, lässt sich in fünf Arten unterteilen. Es gibt nur diese fünf und nicht mehr, alles andere ist überflüssig.

Sutra 1.6.  pramana-viparyaya-vikalpa-nidra-smrtayah = Richtige Wahrnehmung, Verblendung, Vorstellung, Tiefschalf und Erinnerung. pramana = richtige Wahrnehmung / Erkennen / genaue Ahnung     viparyaya = falsche Wahrnehmung / Verblendung / Verwechslung     vikalpa = Vorstellung / Imagination / Traum / fantasieren     nidra = Tiefschlaf / keine Wahrnehmung     smrti = Erinnerung / vergangene Wahrnehmung

Erläuterung: Gefühle und Gedanken ergeben eine richtige oder eine verfälschte Wahrnehmung, sie sind manchmal nur Vorstellung, kommen lediglich aus der Erinnerung oder sind unerkennbar. 

viparyaya - du nimmst wahr, obwohl es dies nicht gibt / Name verwechseln / in verkrampfter Weise etwas sehen z.B. Seil mir Schlange verwechseln, vikalpa - du imaginierst z.B. um eine Antwort zu finden, pramana ist die Grundannahme. Richtige Tätigkeit des Citta. pramana, viparyaya und vikalpa sind drei cittavrttis.

Suta 1.7   pratyasha-anumana-agamah pramanani = Richtige Wahrnehmung entsteht auf drei Weisen - durch unmittelbare Erkenntnisse, durch Erkenntnisse die wir über den Intellekt erlangen und durch das Übernehmen von Erkenntnissen aus zuverlässigen Quellen. pratyaksha = vor den Augen, unmittelbar sehen / sponatne Wahrnehmung, anumana = basiert auf Berechnung / folgt über den Intellekt (manas) / Schlussfolgerung, agama = was immer galt / das was angenommen werden kann / Wahrheiten, die wir von glaubwürdigen Meistern und Quellen übernehmen, pramanani = die Wahrnehmungen

Erläuterung: Ist die Wahrheit richtig, stützt der fühlende und denkende Geist sich entweder auf eine zuverlässige Quelle oder die Fähigkeit, eigene Schlüsse zu ziehen - oder er lässt die Wahrnehmung unbeeinflusst zu, so wie es bei der absichtslosen Betrachtung eines gegenständlichen Objekts durch Sinnesorgane der Fall ist.

pratyaksha, anumana, agama = pramana -  Es ist wichtig, diese drei Formen aufzuteilen, dass wir wieder zu anderen Quellen gehen. Wichtig, etwas für sich selber herausfinden, intuitive Einschätzungsfähigkeit, Sinne schärfen, Sinne weit werden lassen, auch den Geist, Gehirn ganz weit werden lassen, wach werden. Pramana kann auch zwicken, weil du die Wahrheit erkennst und das tut weh.

Sutra 1.8   viparayah mithya-jnanam atadrupa-pratishtham = Verblendung führt zu verkehrtem Wisse; der Gegenstand der Betrachtung wird anders verstanden als er ist. viparaya = falsche Wahrnehmung / Verblendung, mithya = anders, als es ist, jnana = Kenntnis / Wissen, a = nicht, tadrupa = genaue, gleiche Form, pratishtha = verwurzelt.

Erläuterung: Falsche Wahrnehmung ist gleich falsches Wissen.

Sutra 1.9   shabda jnana-anupati vastu-shunyah vikalpah = Bei Vorstellung ist der Gegenstand gar nicht vorhanden; es entsteht eine Wahrnehmung basierend auf Worten. shabda = Wort (Symbol), jnana = Wissen, anupati = folgend, vastu = Gegenstand, shunya = abwesend, vikalpa = Vorstellung / Imagination

Erläuterung: Vorstellung oder Einbildung ermöglicht Wahrnehmung, obwohl kein wahrnehmbares Objekt vorliegt, Gefühle und Gedanken assoziieren auf der Basis von Worten oder Symbolen.

Sutra 1.10   abhava-pratyaya-alambana tamas-vrttih-nidra = Tiefschlaf ist der Zustand, in dem das Citta (das meinende Selbst) sehr träge wird und keine gegenwärtigen Eindrücke entstehen. abhava = das Nichtvorhandensein, pratyaya = Eindruck / Wahrnehmung / Cittavrtti, alambana = sich stüzend auf, tamovrtti = Tamas- (Trägheits-)Qualität - dies alles ergibt nidra, nidra = Tiefschlaf, (ni = nieder, dra = Fluss - die Gedanken sind in niedrigem Fluss)

Erläuterung: Gefühle und Gedanken ergeben keine erkennbare Wahrnehmung, wenn der Mensch sich im Tiefschlaf befindet.  

Ein Beispiel: Das Handy ist ausgeschaltet, wenn du es einschaltest ist alles wieder da.

Sutra 1.11   anubhata-vishaya-asampramoshah smrtih = Erinnerung ist eine Wahrnehmung, welche auf einer vergangenen, noch nicht völlig verschwundenen Situation basiert. anu-bhata = folgend auf vergangene / basierend auf Dinge die gewesen sind (ich war Kind), vishaya = Gegenstand / Situation, a- = nicht, sam = völlig, pramosha = beseitigt, asampramosha = nicht, genau/perfekt verschwunden, smrti = Erinnerung - kann eine angenehme oder unangenehme Erinnerung sein.

Erläuterung: Manchmal wird die Wahrnehmung durch Gefühle und Gedanken aus der Erinnerung an frühere, ähnliche Situationen, ergänzt.

Etwas ist da , nicht ganz verschwunden  - smrti - weit zurückliegt und die cittavrttis anregt. Smrti ist die Basis aller Zwänge, alles was nicht im Jetzt ist, ist Erinnerung. Alles was keinen Nutzen hat Jetzt. Kann auch etwas heilendes haben, kann zu Bereinigungen in der Vergangenheit führen.

Sutra 1.12   abhyasa-vairagyahbhyam tat-nirodah = Durch abhyasa (beharrliches Üben) und vairagya (Gleichmut) kann die dynamische Stille des citta (des meinenden Selbst) erreicht werden. abhyasa = beharrliches Üben / dabei bleiben (bei einem Thema) / Beharrlichkeit / Unbeirrbarkeit, vairagya = Gleichmut / frei von Gier / Gelassenheit / Leidenschaftslosigkeit / die Fähigkeit, sich nicht von aussen vom eigenen Ziel ablenken lassen / Abstand / (loslassen), -abhyam = aus den beiden, tan = jene, nirodha = die dynamische Stille des citta (des meinenden Selbst)

Eräuterung: Beharrliches Üben und nachhaltiger Gleichmut führen unweigerlich zur Einheit der Gefühle und Gedanken.

Ein Kind oder einen Hund erziehen - du musst genau wissen wieviel, wovon, wann du "erziehen" musst - Tun und Lassen ist ganz wichtig, aufhören dich einzumischen oder nicht sagen, ich lasse es, es wird bestimmt gut...

Sutra 1.13   tatra sthitai yatnah abhyasah = Mit Hilfe von Übungen standhaft bei einem gewählten Thema zu bleiben ist abhyasa. tatra = dort, sthitau = in der Standhaftigkeit, yatna = Mühe / Hinwendung / Übung, abhyasa = siehe oben 1.12

Erläuterung: Beharrlich zu üben bedeutet, die Gefühle und die Gedanken auf ein Thema gerichtet zu halten.

Sutra 1.14   sa tudirghakala-nairantarya-satkara-adana-asevitah drdhabhumih = Nur dessen Übung wird Wurzeln schlagen, der lange Zeit ohne Unterbrechung mit einer hingebungsvollen Haltung und mit Rücksicht auf andere übt. sa tu = jene (Mühe / Übung), dirghakala = lange Zeit, nairantarya = ohne Unterbrechung, satkara = Erfurcht / ehrerbietige Hingabe / Sorgfalt / liebevolle Haltung / Hochachtung gegenüber dem Objekt - ob Tier, Geist, Atmung, etc. / sattvische Handlung, adara = Respekt / Rücksicht / Enthusiasamus, asevita = durchgehend geübt / mit allen oben genannten Qualitäten gemeinsam geübt, drdha = fundierte, bhumi = Erde

Erläuterung: Bei beharrlichem Üben werden Gefühle und Gedanken über eine lange Zeit wiederholt auf ein Thema ausgerichtet, ohne dabei in Hochmut gegenüber anderen zu verfallen.

Lange Zeit, ohne Unterbrechung üben, ich kann z.B. einen Hund nicht trainieren, wenn ich lange Zeit weg bin -  also schon gar nicht den Geist. Nicht die Haltung einer Trophäe oder eines Bildes in der Zeitung sind gefragt... lange dran bleiben - sei nicht gierig, die Übungen lieben, positive Haltung, frei im Kopf sein - erwarte nichts und werde reich beschenkt. Nur so kann abhyasa Wurzeln schlagen.

Sutra 1.15   drsta- anushravika-vishaya-vitrshnasya vashikara-samjna vairagyam = Wenn der Durst sowohl nach bekannten Objekten als auch nach Objekten, von denen wir gehört haben, versiegt, bleibt das Bewusstsein im Gleichmut und vairagya (Gleichmut) (siehe 1.12) entsteht. vishaya = Objekte / Dinge / Situationen / alles Wahrnehmbare, drshta = unmittelbare (Objekte), anushravika = (Objekte) von denen man hört (die wir nicht erlebt haben), vitrshna = Durstlosigkeit, vashikara = unter voller Kontrolle / Führung, samjna = Wissen / Bewusstsein, vairagya = Gleichmut (gegenüber anderen und aderem) / Gelassenheit / die Fähigkeit, sich nicht von aussen vom eigenen Ziel ablenken zu lassen, Abstand zu unseren Erwartungen, Wünschen

Erläuterung: Gleichmut besteht, wenn die Ausrichtung der Gefühle und Gedanken standhaft bleibt, unabhängig davon, was wir augenblicklich meinen oder was uns andere sagen.

- nicht festhalten an etwas, - Abstand gewinnen von unseren Gewohnheiten, Denkstrukturen, - Fähigkeit loszulassen entwickeln, - sprechen wir über Gier oder wie wichtig Dinge sind und danach denken wir, jetzt sind wir erhaben durch diese gemeinsame Reflektion,- erhaben sein im positiven Sinn (bei einer Wanderung in den Bergen, schöne Literatur lesen, Beschäftigung mit lehrreichen Sachen bekommen wir auch eine Erhabenheit), demütig gegenüber dem Leben sein...

Sutra 1.16   tat-parnam purusa-khyateh guna-vaitrshnyam = Die höchste Stufe von vairagya (Gleichmut) kommt durch die ergreifende Erfahrung des purusha (des inneren Selbst) zustande. Dabei sind sogar die guna (Grundeigenschaften) in ihrer Tätigkeit verhalten. tat = dessen, parnam = überlegener / weit, purusha = (wörtl.) der Bewohner / das unsterbliche Selbst / das unveränderliche Innere / das innere Selbst, khyateh = aus der ergreifenden Erfahrung, vaitrshnya = sind durstlos (nicht triebhaft)

Erläuterung: Wird Gleichmut nachhaltig gewahrt, wird der unsterbliche Kern unseres Selbst erkannt.

Sutra 1.17   vitarka-vicara-ananda-asmita-rupa-anugamat samprajnatah = samprajnatas-samadhi (die vollkommene Erkenntnis bezogen auf ein Thema) entfaltet sich schrittweise. Erst offenbart sich das gewählte Thema oberflächlich, dann in der Tiefe. Dieser Entwicklung folgt der innere Glückszustand und dann das Einswerden mit dem Thema, so dass es vollkommen erfasst wird. vitarka = oberflächliches / grobstoffliches Wissen (Bsp. v. Konzert), vicara = tief greifendens / feinstoffliches Wissen (Bsp. Kerze anschauen), ananda = endloses Glück / Glückseligkeit / Wonne, asmita = das Gefühl: "ich bin angekommen, ich bin identisch geworden (mit dem Ziel)" / Einheitswahrnehmung, rupa = Form / Erschienung (dieses Gefühl), anugamat = aus diesen Schritten heraus (passiert), samprajnata = (wörtlich) vollkommenes Wissen / sabijas samadhi = der erste der zwei Yogazustände (vollkommene Erkenntnis)

Erläuterung: Bei längerer und beharrlicher Übung mit Gleichmut gehen Gefühle und Gedanken zunächst abwägend (bedacht) und diskursiv (diskuriert) auf das gewählte Thema zu, erst nach und nach entstehen tiefere Erkenntnisse. Wird die Ausrichtung weiter aufrechterhalten, folgt ein erfüllter innerer Glückszustand und dann das vollkommene Erfassend des Themas und die Einheit mit ihm.

Eine Erfahrung die alles einschliesst und nichts weglässt. sam - vollkommen, adhi - erkennen, samadhi ist nicht Gottes Gnade - samadhi ist bewegt, das was du bewirkst. vicara - was bin ich eigentlich, wer bin ich, warum wurde ich geboren, Kern der Flamme - nach dem kann ich in eine Glückserfahrung kommen und ananda kann zu asmita führen, die Wahrnehmung der eigenen Form. Es gibt keine Trennung mehr zwischen dem was ich sehe oder höre... (Kerze, Klang...)

Sutra 1.18   virama-pratyaya-abhyasa-purvah samskara-sheshah anyah = Im höheren Zustand von samadhi, genannt asamprajnatas-samadhi (die freie volkommene Erkenntnis), der abhyasa (das beharrliche Üben) voraussetzt, haben samskaras (die erworbenen Neigungen) nur einen kleinen Rest an Bedeutung für die Wahrnehmung. Die Eindrücke, die mit der Wahrnehmung entstehen, hinterlassen keine Spur. Es herrscht grosse innere Stille. virama = ruhende / still gewordene / sehr ausgeglichen, pratyaya = Eindruck, abhyasa = das beharrliche Üben, purvah = vorausgesetzt, samskara = Prägung aus der Vergangenheit, die nicht erloschen sind / die erworbenen Neigungen / alte, tief eingeprägte Erfahrungen,  shesha = Reste, anya = der andere (der andere von den zwei Yogazuständen - nirbijas-samadhi (die freie vollkommene Erkenntnis))

Erläuterung: Durch ihre kontinuierliche Ausrichtung verlieren Gefühlel und Gedanken weitestgehen ihren Einfluss, so dass alte, tief eingeprägte Erfahrungen die Wahrnehmung nicht mehr beeinflussen. Grosse innere Stille begleitet die tiefe Erkenntnis und die Erfahrung der Einheit.

samskaras = Prägungen aus Erziehung und Umwelt, von der Art, wie wir unseren Geist in seiner Gesamtheit benutzen und auf welchen mentalen Schwingungsebenen wir uns zu bewegen pflegen. Erinnerungen und Eindrücke, die wir aus der Vergangenheit mitbringen, alte Muster, Reaktionsmuster und Gewohnheiten, bzw. "unterbewusste Eindrücke, die von äusseren und inneren Eindrücken in der Psyche hinterlassen werden". Samskaras sind also all die bedeutungsvollen Erfahrungen aus unserer Vergangenheit - bis in die vorgeburtliche Zeit -, aus denen sich unser Charakter und unsere Persönlichkeit zusammensetzen. Die Wirkungsweise der Samskaras bedingt, dass wir gewissermassen immer wieder in alten "Programmen" hängenbleiben und es den Kleshas (innewohnende, störende Kräfte,Hindernisse) stets aufs Neue gelingt, auf subtile Weise unser Handeln zu beeinflussen.

Hier beende ich die Einträgen des Yogasutras. Gerne darf Lektüre bei mir ausgeliehen werden. OM SHANT OM!

                                                                                             

 

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